Clowns bringen die Lockerheit zurück in die Kindergärten
18. Mai 2022

Tablets im Kindergarten: Drei Kitas ziehen nach Pilot-Projekt positives Fazit – „Wir machen dadurch ja nicht weniger Sport“

Bildschirm statt Bauklötze, Touchscreen statt Toben – Tablets im Kindergarten, muss das wirklich sein? Muss nicht, aber es kann helfen. Vor allem den Kindern, die sonst keinen Zugang haben oder deren Eltern selbst im ständigen Online-Modus sind. Drei Kitas sind Vorreiter beim Projekt der Stadt Stade.
Ein bruchsicher verpacktes Tablet oder eine Riesenlupe in der Hand, so butschert die Kindergruppe über das Grün an der Kita Altländer Viertel. Ein Löwenzahn! Mit Krabbeltier! Die Kita-Safari birgt echte Entdeckungen. Schon ist das Insekt in Sicherheit gekrabbelt und verschwunden. Aber auf dem Tablet-Foto ist es noch zu sehen und kann vergrößert und inspiziert werden. „Wir haben viele Einsatzmöglichkeiten“, sagt Claudia Naaf-Pawolka, Leiterin der Kita im Altländer Viertel. Sie schwärmt von den neuen Tablets. Die Kinder malen eigene Figuren und schneiden sie aus, filmen sie und erzählen gleichzeitig eine eigene Geschichte dazu. So werden die von ihnen erdachten Figuren zu Filmhelden.
Besonders im Altländer Viertel, wo Kinder unterschiedlichster Nationalität und Muttersprache zusammenkommen, fördere das die Sprachentwicklung enorm. Und auf den eigenen Film seien sowieso alle stolz. „Wir nutzen also immer noch Stift und Schere“, sagt Naaf-Pawolka. Das Filmemachen aber fördere die Motivation.
Tablet als Werkzeug für das spielerische Lernen
Die Kita im Altländer Viertel ist Pilot-Einrichtung des Projekts „Digitale Kita“. Ebenso wie die Kita im Bildungshaus Hahle und die Kita Wiepenkathen. „Wir haben durch die Tablets einfach nur mehr Methodenvielfalt. Wir machen dadurch ja nicht weniger Sport“, sagt Anette Steinke, Leiterin der Kita im Bildungshaus Hahle. „Die Kinder lernen, das Tablet als Werkzeug zu benutzen“, sagt Anette Steinke. So wie Bücher oder Hörspiele. Auch die Wiepenkathener Kita zieht ein positives Fazit: „Es ist einfach ein Medium mehr, es gibt keinen Hype darum, die Kinder fordern es nicht ein“, so Jana Retzlaff. Die Kita-Leiterin und ihr Team machen zum Beispiel Stop-Motion-Filme. Sie haben Tomaten und Sonnenblumen gepflanzt. Später ist im Zeitraffer zu sehen, wie die Pflanzen wachsen.
Das Ziel des Projekts ist klar: Die Kinder werden frühzeitig in der Nutzung der Medien kompetent gemacht. Und zwar so, dass sie sich nicht nur berieseln lassen, sondern selbst kreativ sind. Der Einsatz der Tablets schult alle Kinder im Umgang mit Medien – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern.
Kinder kennen Medien von zu Hause
Tablets in Kinderhänden – mit Beginn des Projekts habe es auch kritische Stimmen aus der Elternschaft gegeben. Aber: „Die Lebenswelt der Kinder lässt sich nicht von den Medien trennen“, sagt Janine Marx, Kitafachberaterin bei der Stadt Stade. Denn es gibt Eltern, die selbst ständig im Online-Modus sind und das Smartphone kaum aus der Hand legen. Auch deren Medienkompetenz kann über die Kinder geschult werden. Grenzen zu setzen und sie einzuhalten gehört dazu. Alle Kinder, die das Tablet in ihrer Kita-Gruppe nutzen, halten sich an die Regeln, die sie selbst aufgestellt haben. „Das klappt gut“, sagt Claudia Naaf-Pawolka. Die Kinder lernen dabei, dass sie immer fragen müssen, bevor sie andere fotografieren und somit den Respekt vor der Privatsphäre.
Damit die drei Pilot-Kitas loslegen konnten, unterstützte der Lions Club Stade das Projekt mit 5000 Euro, um zehn Tablets anschaffen zu können, eine Art „Hilfe zur Selbsthilfe“, so Dieter Stempnewicz vom Lions Club.
Nach den positiven Erfahrungen der drei Einrichtungen werden bis Ende des Jahres alle 48 Gruppen der Stadt Stade mit den flachen Multifunktionsgeräten ausgestattet. Auch freie Träger haben Interesse bekundet. Landesweit sei die Stadt Stade damit Vorreiter, sagt Jessica Meyer, Leiterin der Abteilung Kindertagesbetreuung mit Blick auf das medienpädagogische Konzept. Das Tablet wird darin als Hilfsmittel beim Bildungsauftrag gesehen: Touchscreen und Toben, Programme und Purzelbäume. Oder eben eine Foto-Expedition zu Pflanzen und Insekten.
Stadt Stade vernetzt Kitas und Eltern durch die Kikom-App

Eltern-Infos schnell und direkt

Das Projekt „Digitale Kita“ hat zwei Zweige. Einen medienpädagogischen für die Kinder (siehe oben) und einen für die Eltern mit der Kikom-App. Die hat sich im Alltag bewährt und die Kommunikation zwischen Kita und Eltern erleichtert.
Das ist die Zwischenbilanz der Stadt Stade. Die hatte die App für die Kitas zum August letzten Jahres nach einer Testphase eingeführt. Über die App erhalten die Eltern Nachrichten speziell für die Betreuungsgruppe ihrer Kinder. Ob es um das Frühstück am nächsten Morgen geht, um Essensabfragen oder Speisepläne, um Gesprächstermine oder Ausflüge. „Die App hat die Kommunikation enorm beschleunigt“, sagt Jessica Meyer, Leiterin der Abteilung Kinderbetreuung bei der Stadt Stade. Eltern können ihre Kinder krankmelden, Erzieherinnen und Erzieher können auch persönliche Nachrichten an die Eltern verschicken. Ein Ziel ist es, die App noch intensiver nutzen zu können, die Portfolio-Arbeit mit dem Programm zu verzahnen, so dass Eltern auf dem Laufenden sind, welche Entwicklungsschritte im Portfolio festgehalten sind. Das wird bisher meist auf Papier geführt, durch den Einsatz der Tablets im Kindergarten soll auch das digitalisiert werden.
Ein besonderer Clou ist in Planung: Das Programm soll so arbeiten, dass Textnachrichten in der Sprache angezeigt werden, die für das jeweilige Handy der Nutzerinnen und Nutzer eingestellt ist. Das erleichtert die Verständigung zwischen Eltern und Kita.