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Robert Sedlatzek-Müller berichtete beim Lions-Club über seine Erfahrungen

STADE. Robert Sedlatzek-Müller berichtet beim Lions-Club über die Auslandseinsätze der Bundeswehr und den Umgang mit Traumatisierten.

Robert Sedlatzek-Müller ist ein Veteran. Als Soldat war er für die Bundeswehr in Afghanistan, wurde bei einer missglückten Raketenentschärfung schwer verletzt – und kehrte traumatisiert zurück. Die körperlichen Wunden sind längst verheilt, aber die seelischen Schmerzen bleiben. Was es bedeutet, für immer mit den brutalen Erinnerungen an die eigenen Auslandseinsätze leben und jahrelang um eine ausreichende medizinische Versorgung kämpfen zu müssen, erzählte der Stader Familienvater am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung des Lions-Clubs im Insel-Restaurant.

Im Alter von 21 Jahren ging er zum ersten Mal für die Bundeswehr an die Front: 1999 schickte die Truppe den Fallschirmjäger in den Kosovo. „Wir landeten da und hatten nichts“, erinnert sich der gebürtige Rostocker an den Beginn der Reise. Nach dem Realschulabschluss schloss er eine Ausbildung zum Koch ab, unterschrieb einen Vertrag als Zeitsoldat. Was ihn auf dem Balkan erwarten sollte, ahnte er nicht. Die Jagd auf Kriegsverbrecher hinterließ ihre Spuren, vor allem die Bilder von gewaltsamen Hausdurchsuchungen haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Noch dramatischer war das, was Robert Sedlatzek-Müller (Jahrgang 1977) in Afghanistan widerfuhr. Während der Einsatz in der Heimat als Friedensmission verkauft wurde, bei der die Deutschen als Entwicklungshelfer in Uniform neue Schulen bauten, begaben sich die Soldaten in Lebensgefahr. 2002 sollte der Stader eine Raketenentschärfung begleiten, doch das Geschoss detonierte vorzeitig. Die Bilanz: Fünf Tote, acht Schwerverletzte – der Stader war einer von ihnen. Raketensplitter fraßen sich in seinen Körper, die Druckwelle zerstörte beide Trommelfälle. Er sah seine Kameraden sterben.

Mit diesen dramatischen Eindrücken fertig zu werden, hatte der junge Mann in seiner Ausbildung nicht gelernt. Nach dem Unglück kamen die Albträume, Robert Sedlatzek-Müller flüchtete sich in exzessives Bodybuilding: „Ich war eine Granate.“ Er tränkte seinen Kummer in Alkohol, neigte zu aggressiven Aussetzern. Trotzdem flog der Fallschirmjäger 2005 noch einmal an den Hindukusch, arbeitete wieder mit Sprengstoff – was alte Wunden aufriss. Jahre später dann ein Wendepunkt im Leben des Soldaten: ein unkontrollierter Wutausbruch, weil er keinen freien Parkplatz findet.

Jetzt suchte der Stader ärztliche Hilfe, ließ seine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) behandeln. Eine Krankheit, die es in der Bundeswehr offiziell noch gar nicht gab. Er nahm Medikamente, machte eine stationäre Therapie, überwand seine Suizidgedanken. Vor allem aber nahm Robert Sedlatzek-Müller den Kampf um eine angemessene Entschädigung auf. Nachdem das TAGEBLATT als erste deutsche Zeitung über die psychischen Leiden der Veteranen berichtete, schalteten sich die damaligen Bundestagsabgeordneten Martina Krogmann (CDU) und Serkan Tören (FDP) ein.

In den Jahren des zähen Ringes lernte Robert Sedlatzek-Müller, der Präsident der Combat-Veteranen Germany ist, dutzende Parlamentarier kennen, traf drei Verteidigungsminister und schließlich die Kanzlerin. „Ich bin Stratege“, sagte er und verwies auf seinen größten Erfolg: Mittlerweile ist das Einsatzweiterverwendungsgesetz beschlossene Sache. Verwundete oder traumatisierte Soldaten dürfen nach dem Einsatz nicht einfach, wie vorher üblich, aus der Bundeswehr entlassen oder gegen ihren Willen versetzt werden. Die Truppenführung erkennt PTBS als Krankheit an, ermöglicht eine Behandlung.

Trotzdem fehlt weiterhin ein Veteranenbeauftragter, der sich speziell für die einsatzgeschädigten Kameraden einsetzt. „Das Thema wird stiefmütterlich behandelt“, monierte der Stabsunteroffizier, der inzwischen das Betreuungsbüro an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg leitet und dort täglich in Kontakt mit anderen Betroffenen steht. Der Stader wird weiter kämpfen, damit die verwundeten oder traumatisierten Soldaten endlich Anerkennung finden – in der Truppe und in der Bevölkerung. Er weiß: Viele erkrankte Kameraden können ihr Leben nicht in geordneten Bahnen halten.

Dass der Familienvater, der mit Frau Jana und Töchterchen Mailin-Lotte am Stadtrand ein Zuhause gefunden hat, keine Kriegsfilme mehr sehen kann und bei Hubschraubergeräuschen zusammenzuckt, ist da noch das kleinere Übel. Andere Veteranen, denen neben ihren schrecklichen Erlebnissen nur noch ihre abgelaufenen Dienstausweise, alten Orden und schusssicheren Westen geblieben sind, hausen inzwischen ohne Obdach oder haben sich umgebracht.

Quelle: Stader Tageblatt – Pauline Walthart – 14.09.2015